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© Dr. Ute Ritterfeld, Universität Magdeburg
Die Sprachentwicklung von Kindern verläuft sehr uneinheitlich.
Nach Abschluss des zweiten Lebensjahres können die meisten Kinder
schon mehr als 50 Wörter sprechen. Verstehen können sie
sogar noch wesentlich mehr. Doch manchen Kindern fällt gerade
der Spracherwerb besonders schwer. Es könnte sein, dass Ihr Kind
zu dieser Gruppe von Kindern gehört. Denn auch Ihr Kind spricht
weniger als die meisten gleichaltrigen Kinder. Die Chance, dass es
seine Verspätung ganz von alleine aufholt, beträgt ungefähr
50 Prozent. Es könnte aber auch sein, dass Ihr Kind zu derjenigen
Gruppe von Kindern gehört, die eine besondere Förderung
benötigen. Wir können nicht voraussehen, ob Ihr Kind es
alleine schaffen würde oder Ihre Hilfe braucht. Doch wenn Sie
ihm jetzt Hilfe anbieten, hat Ihr Kind die besten Voraussetzungen.
Möchten Sie Ihrem Kind dabei helfen, die Sprache
zu lernen? Sie können wirklich etwas tun:
Ihr Kind hat zwar die angeborene Fähigkeit, seine Muttersprache
zu erwerben, aber das setzt auch voraus, dass Sie mit Ihrem Kind
sprachförderlich sprechen. Je mehr Hilfe Sie Ihrem Kind dabei
geben, desto leichter wird ihm der Spracherwerb fallen.
Sprache zu lernen ist nämlich eine der schwierigsten Aufgaben
für kleine Kinder. Nachahmen alleine reicht bei weitem nicht
aus, um eine Muttersprache zu erwerben. Spracherwerb bedeutet vor
allem, dass das Kind die grammatischen Regeln lernen muss, auf denen
unsere Sprache aufbaut. Doch wie kann das Kind wissen, was ein Wort
ist oder wo Anfang und Ende eines Satzes sind? Es lernt diese Dinge
durch die Art und Weise, wie Sie mit ihm sprechen.
Die wichtigste Regel ist dabei, Ihre Aufmerksamkeit und die des
Kindes auf denselben Sachverhalt oder Gegenstand zu richten. Stellen
Sie sich vor, Sie besitzen beide eine Taschenlampe. Versuchen Sie,
die Lichtkegel Ihrer beiden Lampen übereinander zu schieben.
Das bedeutet, dass Sie und Ihr Kind sich im Moment mit derselben
Sache beschäftigen. Dann ist die Bedingung optimal, Ihrem Kind
Sprache anzubieten.
Schieben Sie Ihre "Lichtkegel" übereinander,
bevor Sie sprechen.
Jetzt kommt es darauf an, nicht nur einzelne Wörter zu sprechen,
sondern kleine Geschichten. Stellen Sie sich vor, dass Sie einzelne
Wörter mit Sprache ,umkreisen': Statt nur auf eine Ente zu
deuten und "Ente" zu sagen, können Sie eine kleine
Geschichte daraus machen: "Guck mal, eine Ente, eine gelbe
Ente. Was macht die Ente denn da? Ob sie ins Wasser springen will?
Was meinst Du, ob die Ente wohl schwimmen kann?" usw. Mit dieser
Umkreise Technik bieten Sie dem Kind das Zielwort "Ente"
wiederholt an und gleichzeitig zeigen Sie Ihrem Kind, dass Enten
gelb sind, ins Wasser springen und schwimmen können. Dadurch
kann das Kind sein Sprachverständnis erweitem und Bausteine
für die eigene Sprachproduktion herausfiltern.
Umkreisen Sie einzelne Wörter
durch Geschichten!
Ihr Kind wird vielleicht ein einzelnes Wort nachzusprechen versuchen
und dabei Fehler machen: z.B. "der hat das da rein getut"
statt "rein getan". Vermeiden Sie, Ihrem Kind das falsche
Wort nochmal vorzusprechen ( z. B. "nein, das heißt nicht
getut !" ), sondern bieten Sie ihm einfach das richtige Wort
an: "Ja, der hat das da rein getan". Ihr Kind lernt nicht
durch Kritik, sondern durch ein wiederholtes korrektes sprachliches
Angebot.
Kritisieren Sie Ihr Kind nicht für seine Fehler
.
Bieten Sie ihm lieber das richtige Wort nochmal an!
Ein Kind lernt Sprache dann am Besten, wenn es viel spricht. Schaffen
Sie ihm die Möglichkeit. Beobachten Sie sich, welche Fragen
Sie an Ihr Kind richten. Fragen, die von dem Kind nur ein einzelnes
Wort als Antwort verlangen (zum Beispiel: "Was ist das?"
oder "Wie heißt das?") sind wenig hilfreich. Stellen
Sie deshalb Fragen, die es zu mehr Sprechen auffordern. Das gemeinsame
Betrachten von Bilderbüchern eignet sich hierfür besonders
gut: "Was passiert denn hier?" Wenn das Kind etwas sagt,
können Sie nachfragen, zum Beispiel: "Warum ist die Ente
ins Wasser gesprungen?" oder "Wo hat sich der kleine Bär
versteckt?"
Ermuntern Sie Ihr Kind zum Sprechen! Fragen Sie
nach!
Bilderbücher sind hervorragend geeignet, um Ihrerseits Sprache
anzubieten. Hier gilt dasselbe Prinzip wie für das Kind: Einzelne
Wörter sind nicht genug. Bilden Sie kleine Sätze, beschreiben
Sie, wie die Dinge aussehen und was passiert. Greifen Sie das auf,
was das Kind sagt und fügen Sie selbst noch etwas hinzu. Wenn
das Kind zum Beispiel "Auto" sagt, so können Sie
es zu einem kleinen Satz erweitern "Ja genau, ein rotes Auto".
Fügen Sie selbst Sprache hinzu!
Gerade dann, wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind mit der
Sprachentwicklung hinterher hinkt, sollten Sie Ihr Angebot nicht
einschränken. Ihr Kind braucht dasselbe wie andere Kinder,
nur eben mehr davon. Auch wenn es oft nicht auf Ihre Fragen reagiert,
bleiben Sie dabei, es immer wieder zu fragen. Geben Sie nicht nach,
von Ihrem Kind Sprache zu verlangen.
Lassen Sie nicht locker: Ihr Kind braucht Ihre
Sprachangebote!
Der Alltag von Eltern ist oft sehr anstrengend. Es ist deshalb
nicht möglich, sich in jeder Situation auf das Kind einzulassen.
Oftmals stehen andere Ziele im Vordergrund, und auch die Bedürfnisse
der Eltern haben ihre Berechtigung. Doch selbst wenn Sie ein angespanntes
Leben führen, können Sie in Ihrem Alltag kleine Inseln
einbauen, in denen die sprachförderliche Kommunikation mit
Ihrem Kind im Vordergrund steht. Diese ,Sprachinseln' können
durchaus von kurzer Dauer sein. Hauptsache, Sie können sich
dabei ganz aufeinander einlassen.
Ziehen Sie sich mit Ihrem Kind immer wieder zwischendurch
auf Ihre gemeinsame Sprachinsel zurück!
Das von uns erstellte Faltblatt zu diesem Thema
können Sie jederzeit in unserer Praxis erhalten. |